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Wissenschaftlich Schreiben

Wissenschaftliches Schreiben unterscheidet sich grundlegend von Aufsätzen, Blog-Posts oder Nachrichten. Es folgt klaren Regeln, die Objektivität, Präzision und Nachvollziehbarkeit sicherstellen. Hier lernt ihr, wie man in einer Diplomarbeit richtig formuliert – mit konkreten Vorher-Nachher-Beispielen.

Die wichtigsten Prinzipien

Sachlich & neutral

Keine Wertungen, keine Umgangssprache, keine Emotionen. Die Fakten sprechen für sich.

Präzise & konkret

Keine vagen Aussagen. Zahlen, Daten, Fakten. „Schnell" wird zu „12 ms Antwortzeit".

Nachvollziehbar

Jede Behauptung belegen. Jede Entscheidung begründen. Der Leser muss folgen können.

Klar strukturiert

Ein Gedanke pro Absatz. Roter Faden durch das ganze Kapitel. Logische Übergänge.

Perspektive: Passiv / unpersönlich

In wissenschaftlichen Arbeiten wird ausschließlich die unpersönliche Form (Passiv) verwendet. Der Fokus liegt auf der Sache, nicht auf der Person. Vermeidet „Ich" und „Wir" im Fließtext (Ausnahme: Vorwort und Eidesstattliche Erklärung).

Falsch (umgangssprachlich)Richtig (Passiv)
„Ich habe dann die Datenbank aufgesetzt"„Die Datenbank wurde auf einem Linux-Server eingerichtet"
„Dann hab ich das mit React gemacht"„Das Frontend wurde mit React implementiert"
„Wir haben uns für PostgreSQL entschieden"„Als Datenbanksystem wurde PostgreSQL gewählt"
„Ich finde, dass Node.js besser ist"„Node.js weist bei I/O-intensiven Anwendungen eine höhere Performance auf (vgl. Tanenbaum, 2016)"

Zeitform: Präsens oder Präteritum?

Kapitel / SituationZeitformBeispiel
Allgemeine Fakten & TheoriePräsens„REST basiert auf dem Client-Server-Modell."
Beschreibung des SystemsPräsens„Die API stellt fünf Endpunkte bereit."
Eigene Entscheidungen & VorgehenPräteritum„Als Framework wurde Express.js gewählt."
Testergebnisse & MessungenPräteritum„Die Messung ergab eine Latenz von 12 ms."
Andere Quellen zitierenPräsens„Tanenbaum (2016) beschreibt Netzwerkprotokolle als..."
ZusammenfassungPräteritum„In dieser Arbeit wurde eine REST-API entwickelt."
AusblickKonjunktiv / Futur„In Zukunft könnte das System um GraphQL erweitert werden."

Satzbau und Stil

Kurze, klare Sätze

Wissenschaftliche Sätze müssen nicht lang und verschachtelt sein. Im Gegenteil:

Schlecht (verschachtelt)Besser (klar)
„Die Datenbank, die auf einem Linux-Server, der mit Ubuntu 22.04 betrieben wird und über eine SSD-Festplatte verfügt, installiert wurde, speichert die Benutzerdaten in normalisierten Tabellen."„Die Datenbank wurde auf einem Ubuntu-22.04-Server mit SSD installiert. Die Benutzerdaten werden in normalisierten Tabellen gespeichert."
„Es ist so, dass, wenn man die Anwendung startet, als Erstes eine Verbindung zur Datenbank hergestellt wird, wobei der Connection-Pool auf maximal zehn Verbindungen konfiguriert ist."„Beim Start der Anwendung wird eine Datenbankverbindung hergestellt. Der Connection-Pool ist auf maximal zehn Verbindungen konfiguriert."
Faustregel
Ein Satz = ein Gedanke. Wenn ein Satz länger als 2–3 Zeilen ist, kann er fast immer in zwei Sätze aufgeteilt werden.

Verben statt Nominalstil

Wissenschaftliches Deutsch neigt zum „Nominalstil" – Substantive statt Verben. Das macht Texte schwer lesbar:

Nominalstil (schwer lesbar)Verbalstil (besser)
„Die Durchführung der Implementierung der Datenbankanbindung..."„Die Datenbankanbindung wurde implementiert..."
„Unter Berücksichtigung der Anforderungen erfolgte eine Anpassung..."„Das System wurde an die Anforderungen angepasst..."
„Die Inbetriebnahme des Servers erfolgte nach Beendigung der Konfiguration."„Der Server wurde gestartet, nachdem die Konfiguration abgeschlossen war."

Verbotene Wörter und Formulierungen

Diese Wörter und Formulierungen haben in einer Diplomarbeit nichts verloren:

VermeidenStattdessenWarum
„natürlich", „offensichtlich", „selbstverständlich"Weglassen oder Beleg anführenWas für euch offensichtlich ist, muss es für den Leser nicht sein
„sehr", „extrem", „enorm", „unglaublich"Konkrete Zahlen nennenUnpräzise Verstärkungen; „sehr schnell" = wie schnell genau?
„eigentlich", „quasi", „irgendwie"WeglassenZeigt Unsicherheit; in einer Diplomarbeit muss man sicher formulieren
„cool", „super", „toll", „mega"Sachlich beschreibenUmgangssprache, unwissenschaftlich
„man kann sagen", „es ist bekannt"Quelle angebenWer sagt das? Woher ist das bekannt? Beleg fehlt!
„und so weiter", „etc.", „usw."Vollständig aufzählen oder „unter anderem"Lässt offen, was noch gemeint ist; bei kurzen Listen komplett aufzählen
„Das funktioniert gut."„Die Antwortzeit liegt unter 50 ms (siehe Tab. 4.1)."Was heisst „gut"? Immer messbar machen!
„immer", „nie", „alle"„in den meisten Fällen", „häufig"Absolute Aussagen sind fast immer falsch
Ausrufezeichen!Punkt.Ausrufezeichen haben in wissenschaftlichen Texten nichts verloren

Absätze richtig schreiben

Jeder Absatz sollte nach einem klaren Muster aufgebaut sein:

  1. Kernsatz (Topic Sentence)
    Der erste Satz gibt das Thema des Absatzes vor. Der Leser weiss sofort, worum es geht.
  2. Erläuterung / Begründung
    Die folgenden Sätze erklären, belegen oder vertiefen den Kernsatz.
  3. Überleitung (optional)
    Der letzte Satz kann zum nächsten Absatz überleiten.

Praxisbeispiel: Ein guter Absatz

Beispiel

Für die Datenbankanbindung wurde das ORM-Framework Sequelize in Version 6.35 verwendet. [Kernsatz] Sequelize abstrahiert die SQL-Abfragen und ermöglicht es, Datenbankoperationen über JavaScript-Objekte durchzuführen (vgl. Sequelize, 2024). [Erläuterung mit Quelle] Gegenüber dem alternativen Framework TypeORM wurde Sequelize bevorzugt, da es eine ausgereiftere Dokumentation und breitere Community-Unterstützung bietet. [Begründung] Die Konfiguration der Datenbankverbindung wird im folgenden Abschnitt beschrieben. [Überleitung]

Praxisbeispiel: Ein schlechter Absatz

Übergänge zwischen Abschnitten

Kapitel und Abschnitte dürfen nicht abrupt beginnen. Der Leser braucht einen roten Faden:

Am Kapitelanfang: Einleitender Absatz

Jedes Kapitel beginnt mit 2–3 Sätzen, die erklären, was in diesem Kapitel behandelt wird:

\chapter{Backend-Entwicklung}

Dieses Kapitel beschreibt die Entwicklung des Backends
der Webanwendung. Zunächst werden in
Abschnitt~\ref{sec:backend-anforderungen} die
Anforderungen analysiert. Anschliessend wird in
Abschnitt~\ref{sec:backend-entwurf} der Entwurf
beschrieben, bevor Abschnitt~\ref{sec:backend-impl}
auf die Implementierung eingeht.

Zwischen Abschnitten: Überleitungen

FormulierungWann verwenden
„Aufbauend auf den in Abschnitt X beschriebenen Grundlagen..."Bezug auf vorherigen Abschnitt
„Nachdem die Anforderungen definiert wurden, wird im Folgenden..."Logische Reihenfolge
„Im Gegensatz zu dem in Abschnitt X beschriebenen Ansatz..."Vergleich / Kontrast
„Wie in Kapitel 2 erläutert, basiert REST auf..."Rückbezug auf Theorie
„Die im vorherigen Abschnitt beschriebene Architektur bildet die Basis für..."Aufbauend

Zahlen und Einheiten

RegelBeispiel
Zahlen von eins bis zwölf ausschreiben„drei Endpunkte", „sieben Tabellen"
Ab 13 als Ziffer„15 Testfälle", „128 Datensätze"
Technische Werte immer als Ziffer„12 ms", „4 GB RAM", „Port 3000"
Leerzeichen zwischen Zahl und Einheit„12 ms", „256 MB" (nicht „12ms")
Dezimalkomma im Deutschen„3,14" (nicht „3.14")
Tausenderpunkt oder Leerzeichen„1.000" oder „1 000" Anfragen
% In LaTeX: Geschütztes schmales Leerzeichen vor Einheiten:
Die Antwortzeit betrug 12\,ms bei einer Last von
1\,000 gleichzeitigen Anfragen.

% Oder mit dem siunitx-Paket (empfohlen):
\usepackage{siunitx}
\sisetup{locale=DE}

Die Antwortzeit betrug \SI{12}{\milli\second}.
Der Server verfügt über \SI{16}{\giga\byte} RAM.

Fachbegriffe und Fremdwörter

Fachbegriffe beim ersten Auftreten erklären

% Beim ersten Mal ausgeschrieben (mit Glossar):
Die \gls{api} stellt Endpunkte für die CRUD-Operationen
bereit.

% Manuell (ohne Glossar):
Die Application Programming Interface (API) stellt
Endpunkte für die Erstellung, das Lesen, Aktualisieren
und Löschen von Datensätzen (CRUD) bereit.

Englische Begriffe

In IT-Arbeiten kommen viele englische Fachbegriffe vor. Regeln:

  • Etablierte Begriffe bleiben Englisch: Framework, Backend, Frontend, Deployment, Repository
  • Beim ersten Auftreten kursiv setzen: „Das Deployment erfolgte über Docker-Container."
  • Nicht eindeutschen wenn unnötig: „Framework" statt „Rahmenwerk", „Container" statt „Behälter"
  • Konsistent bleiben: Immer den gleichen Begriff verwenden, nicht zwischen „Schnittstelle" und „Interface" wechseln
Tipp
Nutzt das Glossar in LaTeX! Definiert jeden Fachbegriff einmal, und beim ersten Auftreten wird er automatisch ausgeschrieben.

Typische Formulierungen für die Diplomarbeit

Einleitung

ZweckFormulierung
Thema einführen„Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit..."
Problem beschreiben„Bisher existiert keine Lösung, die..."
Ziel formulieren„Ziel dieser Arbeit ist die Entwicklung von..."
Aufbau beschreiben„Kapitel 2 behandelt die theoretischen Grundlagen. In Kapitel 3 wird..."

Theoretische Grundlagen

ZweckFormulierung
Begriff definieren„Unter X versteht man... (vgl. Autor, Jahr)"
Quelle einführen„Laut Tanenbaum (2016) ist..."
Vergleich„Im Gegensatz zu X bietet Y den Vorteil, dass..."
Zusammenfassen„Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass..."

Praktischer Teil

ZweckFormulierung
Technologie-Wahl begründen„Als Datenbank wurde PostgreSQL gewählt, da es... unterstützt und... bietet."
Entwurf beschreiben„Abbildung X zeigt den Aufbau des Systems. Die Architektur folgt dem in Abschnitt Y beschriebenen MVC-Muster."
Code erklären„Listing X zeigt die Implementierung der Authentifizierung. In Zeile Y wird..."
Auf Abbildung verweisen„Wie in Abbildung~X dargestellt, kommuniziert..."
Ergebnis präsentieren„Die Messergebnisse in Tabelle X zeigen, dass..."

Zusammenfassung

ZweckFormulierung
Ergebnis zusammenfassen„Im Rahmen dieser Arbeit wurde... entwickelt/umgesetzt."
Ziel-Erreichung„Die in Abschnitt 1.2 definierten Ziele konnten erreicht werden."
Einschränkung„Einschränkend ist anzumerken, dass..."
Ausblick„Für eine Weiterentwicklung wäre denkbar, dass..."

Checkliste: Vor der Abgabe prüfen

  • Keine Umgangssprache, keine Wertungen, kein „ich" (außer im Vorwort)?
  • Konsistente Zeitform innerhalb der Abschnitte?
  • Jede Behauptung mit Quelle belegt?
  • Fachbegriffe beim ersten Auftreten erklärt?
  • Keine verwaisten Überschriften (Text zwischen Kapitel- und Abschnittsüberschrift)?
  • Einleitende Absätze am Kapitelanfang vorhanden?
  • Abbildungen und Tabellen im Text referenziert?
  • Zahlen und Einheiten korrekt formatiert?
  • Rechtschreibung geprüft (LTeX in VS Code oder TeXstudio-Prüfung)?
  • Roter Faden erkennbar – könnte jemand Fremdes der Argumentation folgen?
Ultimativer Tipp
Lasst eure Kapitel von jemandem lesen, der nicht an eurer Arbeit beteiligt ist – Eltern, Freunde, Geschwister. Wenn diese Person dem Text folgen kann, seid ihr auf dem richtigen Weg. Wenn nicht, muss nachgebessert werden.